Übung in Grafenwöhr: Nicht nur die Praxis, auch der Feind fehlt


Image Von Fritz Winter, MZ

GRAFENWÖHR. Ein Schauer jagt über Schießbahn 208 auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Aufgeregt hüpft der Unteroffizier mit der roten Armbinde am Schützengraben entlang. Er muss seine Soldaten im Auge behalten. Mit scharfer Munition schießen sie auf den Feind eine gefährliche Sache. Viele von ihnen haben seit Jahren kein Gewehr mehr in der Hand gehabt. Es sind ausnahmslos Reservisten. Eine Spezies, die in der modernen Armee vom Aussterben bedroht ist.

Angetreten zur Übung ist das Heimatschutzbataillon 862 «Oberpfalz». Es zählt rund 1000 Mann, aber nur drei davon sind aktive Berufssoldaten. Von 950 zur Reserveübung einberufenen Soldaten ist die Hälfte gekommen für Oberstleutnant Heinz Breitfelder, stellvertretender Kommandeur des Verteidigungsbezirkskommandos 66 in Landshut, eine kleine Sensation. «Ich habe auch ein Desaster für möglich gehalten», gibt er zu.

Reserveübungen mit Volltruppe das gibt's beim Bund eigentlich nicht mehr. Das Geld für die Wehrübungstage fehlt. Außerdem: Was gibt es für Reservisten noch zu tun?

Zur Zeit des Kalten Krieges war das anders. Fast jeder Grundwehrdienstleistende wurde Mobilmachungs-verplant; zumeist mehrfach zu Wehrübungen einberufen. Heute können die ausscheidenden Soldaten wählen, ob sie zur Mob-Reserve gehen, oder ihre Ruhe haben wollen. Nur Spezialisten, zum Beispiel Ärzte, werden regelmäßig zu Reserveübungen eingezogen. Auch zu Auslandseinsätzen.

Genau betrachtet ist dem Heimatschutzbataillon «Oberpfalz» auch der militärische Auftrag abhanden gekommen. Als der Feind noch aus dem Osten erwartet wurde, sollten die Männer daheim in Deutschland Elektrizitätswerke, Flugplätze, Brücken oder Staudämme sichern. Heute werden Terrorakte angenommen und dabei wird immer vorausgesetzt, dass der Spannungs- oder Verteidigungsfall ausgerufen wurde. Ansonsten ließe das Grundgesetz den Einsatz der Bundeswehr im Innern nicht zu. «Es wäre hilfreich, wenn sich die Politik zur Rolle der Streitkräfte klar äußern würde», sagt Bataillonskommandeur Bernhard Brock. Er ist Oberstleutnant der Reserve, im Zivilberuf Steuerberater. Welche Zukunft die Reservisten in der Bundeswehr haben? Er vermag es nicht vorauszusehen.

Der Unteroffizier mit der roten Armbinde am Schützengraben hat es nicht leicht. Auch er ist Reservist, und das Führen von Soldaten nicht mehr gewohnt. Zwar übt er häufiger mit dem sogenannten «Führungs- und Funktionspersonal» aber nur am Computer und am Kartentisch. Die Übung soll Erkenntnisse zur künftigen Reservistenkonzeption bringen, sagt Oberstleutnant Breitfelder. Das Papier geht «ganz nach oben» zum Inspekteur Streitkräftebasis.

Politische Fragen lassen den Hauptgefreiten d. Reserve Siegfried Schäfer (26) aus Regensburg eher kalt. Er leistete 1999 seinen Wehrdienst ab, steckt heute gerne wieder in Uniform. «Ich möchte wieder in den Einsatz», sagt der selbstständige Sicherheitsunternehmer. Am liebsten nach Bosnien-Herzegowina. Und am liebsten für mindestens ein halbes Jahr. In die Aktivreserve wurde er schon eingeplant.